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Gastbeitrag // Raus aus dem Alltag – Warum es sich lohnt, lange Reisen zu machen

Auf den heutigen Gastbeitrag freue ich mich ganz besonders. Josi & Olaf von Backpackbaby haben sich bereit erklärt, ein bisschen über ihr Leben auf Weltreise zu schreiben. Einfach aussteigen, aus dem Alltag, aus dem Gewöhnlichen. Den Mut haben sich die Freiheit zu nehmen und das Leben genießen. Eine Sehnsucht, die auch in mir schlummert. Wie gerne würde ich einfach mal aussteigen, sei es auch nur für eine kurze Zeit.

Josi und Olaf bereisen mit ihrer süßen Tochter Salome die Welt, ihre Erlebnisse könnt ihr auf ihrem Blog mitverfolgen. Auf Instagram findet ihr die kleine Familie HIER.

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Die meisten Menschen kommen in ihrem ganzen Leben nicht in den Genuss einer wirklich langen Reise. Noch seltener dürfte die ganze Familie geschlossen unterwegs sein. Es braucht bei jedem Ausflug einige Tage, bis sich der Staub des Alltags legt. Noch länger dauert es, bis wirkliche Erholung einsetzt. Die meisten von uns sind da dann schon wieder im Büro und fragen sich, ob sie diese Zeit nicht nur geträumt haben. Manchmal folgt auf den Wegbruch der täglichen Routine sofort eine Krankheit, weil der Körper endlich einmal von der inneren Leine gelassen wird, die ihn täglich würgt.
Das klingt im ersten Moment ganz schön gefährlich. Warum lohnt es trotzdem, sich auf eine längere Auszeit einzulassen? Ganz einfach: erst nach mehreren Wochen des Reisens wird der Kopf klar für eine tiefergehende Erholung. Zu Beginn ist jede Veränderung anstrengend.

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Ich war noch niemals in Taipei

Als wir auf unserer ersten Station in Taipei ankommen, liegt ein zwanzigstündiger Flug über Hong Kong hinter uns. Wir haben einen verregneten Juni gegen die heißeste Zeit des Jahres in Taiwan getauscht. Subtropische Hitze erschlägt uns, kaum, dass wir das Terminal verlassen. Schon das ewige Anstehen am Flughafenbus und die turbulente Fahrt in die Innenstadt sind eigentlich zu viel für uns Reiseneulinge. Völlig übermüdet finden wir fast unser Hostel nicht, dass sich in einer taiwanesischen Version der Winkelgasse versteckt.
Endlich angekommen in der Kühle der Aircondition, brechen wir auf dem Bett zusammen. Das soll nun unsere Familienzeit werden? In einer Stadt, in der sich so etwas Banales wie aus der Tür zu treten anfühlt, als würden wir auf dem Grund eines glühend heißen Ozeans spazieren gehen? Das hatten wir uns wirklich leichter vorgestellt. Dabei war meine Frau bereits mehrmals in Taiwan gewesen, nur eben ohne mich und unsere Tochter. Lag es vielleicht an mir, dass wir nicht zurechtkamen?

Hinterm Horizont geht’s weiter

Jeder Aufenthalt an einem Ort, an dem alles fremd ist, gleicht einer Reise auf einen anderen Planeten. Du spürst förmlich, wie du die sozialen Codes verletzt. Und wie, um alles in der Welt, kannst du nicht in der Lage sein, eine normale Handykarte zu kaufen oder ein Straßenschild zu entziffern? Warum weigert sich jeder Geldautomat, Scheine auszuspucken? Muss die Karte verkehrtherum eingeschoben werden? Funktioniert es nur donnerstags? Ist überhaupt noch Geld auf der Karte?
In diesem Zustand machen wir uns auf, eine Bleibe für die kommenden Wochen zu finden. In einem Land, das mich überfordert, in einer Sprache, die ich nicht spreche, umgeben von Menschen, die ich nicht verstehe. Im Nachhinein finde ich es immer noch verwunderlich, dass wir nicht sofort die Segel gestrichen haben – und es ist ein Glück, dass wir geblieben sind.

Durch den Monsun

Nach ungefähr vierzehn Tagen (und einem Besuch im Da’an-Park, bei dem wir zwei Stunden für fünfzig Meter brauchen) haben wir uns akklimatisiert. Langsam können wir all die schönen Seiten der Fremdheit genießen: die Nachtmärkte mit den seltsamen Gerüchen und bunten Gerichten. Plötzlich auftretende Regengüsse, die alle Menschen unter die Kolonaden treiben. All die Schirme, die wir geschenkt bekommen, weil wir mit Kind unterwegs sind, während sich die großzügigen Schenker wie selbstverständlich wieder in den Monsunregen aufmachen. Das merkwürdige Gefühl, etwas Fremdes zu betrachten, dass uns eigenartig bekannt vorkommt. Langsam fühlt sich das Unbekannte heimisch an.
Die Freude an einer Weltreise kommt erst mit der Zeit. Je länger du unterwegs sein wirst, desto länger ist auch die Katerphase zu Beginn, wo dein Körper lernt, sich auf die neuen Lebensabläufe einzustellen.

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Heute hier, morgen dort

Wir fühlten uns erst wirklich im Reisen angekommen, als das “Unterwegs sein” unser neuer Alltag war. Im Grunde war das erst ab Vietnam, unserer zweiten Station auf der Reise, der Fall. In Taiwan hatten wir zwar einen geregelten Tagesablauf, aber keine Routine im Reisen. Unsere Veränderung blieb statisch an einen Ort gebunden. Erst die Differenzerfahrung und die Befreiung, die der Flug nach Vietnam mit sich brachte, ließ das Gefühl aufkommen, wirklich unterwegs zu sein. Mein Geist brauchte diese Zeit, um zu akzeptieren, dass er wirklich auf Reisen war. Erst in Thailand, unserem dritten Stopp, machte mir das Unterwegssein nichts mehr aus. Jetzt begannen sich die positiven Effekte dieses Abenteuers zu zeigen: unsere wachsende Gemeinschaft als Familie, der neue Freiraum, der sich zum Denken auftat. Ich nutzte die Chance, und überprüfte viele Vorurteile, die ich mir von der Welt und über mich gemacht hatte.
Am Ende unserer langen, langen Reise hatte ich das Gefühl, es wäre zehnmal so viel Zeit vergangen und ich war definitiv nicht mehr derselbe.

Wenn du denkst, du denkst…

Kann eine solche Reise auch überfordern? Wenn du dir Sorgen machst, dass dir das, was du auf einer längeren Auszeit über dich herausfindest, nicht gefallen könnte, solltest du vorsichtig sein. Es ist nicht möglich, dem Nachdenken über sich selbst auf so einem Trip aus dem Weg zu gehen. In einer der endlosen Stunden des Wartens, Reisen und Länderwechselns wird dich ein Gedanke zu dir selbst überkommen, der dich erstaunt oder sogar erschreckt. Das ist einer der Gründe für all die Dauerbeschallung in den Resorts und den rigiden Besichtigungsplänen bei Gruppenausflügen. Auf einem Kurztrip kannst du keinen Spaß haben, wenn dir dein vernachlässigtes inneres Selbst in den Weg tritt.

Das Glück liegt nur in unserer Hand

Ich habe dafür auf unserer Reise die Erfahrung gemacht, dass sich Freude und Erholung praktisch von selbst einstellen, wenn ich meinem inneren Ich genug Raum gebe, um zur Ruhe zu kommen. Ein Kurztrip oder eine normale Urlaubsreise von zwei Wochen hingegen, gerne in einen Ort mit Rundumbetreuung für Kinder und Dauerprogramm für die Eltern bringt niemanden zusammen. Sie schafft kein Gemeinschaftsgefühl und keinen Ruhepol für das Leben. Er ist eine Flucht aus dem Alltag, kein Versuch, den Alltag neu zu beleben.
Eine Langzeitreise erdet. Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, ein besserer Vater zu sein. Ich weiß jetzt mehr über mich und meine Lieben und auch, wie frei wir leben wollen. Dank unserer Reise schätze ich meinen Alltag und freue mich trotzdem über jedes neue Abenteuer. Ich wünsche allen Menschen diese Erfahrung; ob als Sabbatical, in Elternzeit oder als Aufbruch in ein neues Leben.

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Olaf Bernstein

Wir haben all unseren Mut eingepackt und bereisen mit unserer Tochter die Welt. Wir sind dabei herauszufinden wer wir sind und wie wir als Familie leben wollen. Wir sind mit unserem Blog www.backpackbaby.de auf Forschungsreise zu uns selbst.

 

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